Was eine stille Trainingsgruppe über
Zuhören, Sicherheit und passende Formate zeigt
Fünf Tage, 26 Auszubildende, fünf Betriebe, sechs verschiedene Berufsbilder, 16 bis 25 Jahre alt.
Ich stehe vorne, stelle eine Frage ins Plenum – und ernte Schweigen. Kein unfreundliches Schweigen. Einfach: nichts.
Wer schon einmal ein Seminar geleitet hat, kennt dieses Gefühl. Nach der dritten stillen Minute fragt man sich: Kommt überhaupt etwas an? Erreiche ich die Gruppe? Oder übersehe ich gerade etwas Entscheidendes?
Bei mir war es letzte Woche genau so. Und ich wollte die Situation nicht einfach abhaken. Also habe ich mir danach Zeit genommen, die Woche noch einmal genau anzuschauen. Nicht nur mit der Frage „War es gut oder schlecht?“, sondern mit der Frage: Was ist da eigentlich passiert?
Der Moment, der alles erklärte
In den Kleingruppen fiel mir etwas auf, das die Situation in ein anderes Licht rückte. Dort, in Gruppen von vier bis sechs Personen, arbeiteten dieselben jungen Menschen an denselben Themen sehr engagiert: konkret, konzentriert und mit eigenen Ideen.
Am Ende der Woche nannten sie sogar von sich aus Teamfähigkeit als eine Stärke, die sie entwickelt hatten.
Wenn dieselbe Gruppe im Kleinen lebendig ist und im Großen wie eingefroren wirkt, liegt das Problem nicht unbedingt bei den Menschen. Es liegt möglicherweise am Format.
Stell dir vor, du bist 17, seit einer Woche in Ausbildung und kennst außer deinen beiden Kolleginnen aus dem eigenen Betrieb niemanden im Raum. Nun sollst du vor 25 Fremden deine Meinung zu Konflikten oder Werten äußern – zu einem Thema, zu dem du vielleicht noch gar keine eigenen Erfahrungen aus dem Arbeitsalltag hast.
Was würdest du tun?
Wahrscheinlich erst einmal abwarten, ob jemand anderes den Anfang macht.
Schweigen kann eine kluge Entscheidung sein
Der Punkt, der mich am meisten beschäftigt hat: Wir interpretieren Stille im Seminarraum fast automatisch als Desinteresse oder mangelnde Motivation.
Dabei kann Stille auch schlicht rational sein. Wer wenig zu gewinnen und im ungünstigsten Fall etwas zu verlieren hat – zum Beispiel Sicherheit oder Ansehen vor Menschen, die einen später wiedererkennen –, schweigt möglicherweise lieber.
Das hat dann nicht unbedingt mit dem Inhalt der Frage zu tun. Es hat mit der Situation zu tun, in der sie gestellt wird.
Bei einer Gruppe aus fünf verschiedenen Betrieben, die gerade erst in den Beruf gestartet ist und eine Altersspanne von fast zehn Jahren umfasst, ist das Plenum möglicherweise der unsicherste Ort im Raum. Die Kleingruppe ist überschaubarer. Das Risiko ist kleiner. Und nach kurzer Zeit kennt man sich zumindest ein wenig.
Live, mitten im Raum, sehe ich diese Dynamik allerdings nicht immer sofort. Ich moderiere, habe die Zeit im Blick und reagiere auf 26 Menschen gleichzeitig. Für eine systematische Einordnung der Gruppendynamik bleibt in diesem Moment oft wenig Raum.
Die klügeren Einordnungen kommen deshalb häufig erst danach: wenn ich mich hinsetze, die Woche in Ruhe durchgehe und einzelne Beobachtungen nebeneinanderlege.
Genau das gehört für mich zum Handwerk dazu: nicht alles sofort erklären zu können, aber zu wissen, wo man später genauer hinschauen sollte.
Was ich daraus mitnehme
Die Themen und der Umfang der Woche standen von Kundenseite fest – und das war auch richtig so. Feedback, Kommunikation, Konflikte und Werte sind wichtige Themen zum Ausbildungsstart.
Ich schaue jetzt allerdings anders auf die Frage, wo etwas im Plenum passieren muss – und wo es das gar nicht braucht.
Meine Erkenntnis in einem Satz:
Das Plenum ist nicht immer der Ort, an dem Denken beginnt. Oft ist es der Ort, an dem bereits entstandene Gedanken sichtbar werden.
Wenn eine Gruppe im Großen zäh wirkt, werde ich beim nächsten Mal zuerst darauf schauen, wie sie in den Kleingruppen arbeitet. Daraus ziehe ich meine Schlüsse – nicht allein aus dem, was im Plenum gesagt oder nicht gesagt wird.
Und die jungen Menschen, die in dieser Woche kaum ein Wort im Plenum gesprochen haben?
Sie haben trotzdem gelernt, reflektiert und sich in ihre Teams eingebracht. Nur blieb vieles davon unsichtbar, solange die lauten Momente den Blick bestimmten.
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